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Punkverräter, ich doch nicht.

Damals, als noch nicht jeder stolze Besitzer eines Kinderzimmers meinte mittels DSL stünde ihm die Welt offen und undurchschaubare Reproduktionstechniken abgehalfterte Studierende am Veröffentlichen ihrer “Gesellschaftskritik” hinderten gab es eine bestimmte Form der Verbreitung eingestanden-unnötiger Gedanken, die doch gleichzeitig nichts mit Publizieren zu tun hatte. Anders als den Autoren unzähliger Blogs, die ja nicht anders können, als sich der Verfallsform bürgerlicher Öffentlichkeit zu bedienen, in der jeder über google dirigierte “hit” einen Leser vorgaukelt, wurde den Schreibern sogenannter Fanzines durch stapelweise ungelesene Exemplare die eigene Unbedeutenheit klargemacht. In meinem Kinderzimmer waren sie dennoch ein Fluchtpunkt, ungemein teuer, wenn ich sie denn mal in die Finger bekam, bis die letzte Rezension, der letzte Konzertbericht gelesen war, ein Bollwerk aus Papier hinter dem ich mich im Schulbus verschanzen konnte. Zu lesen war zwar nie, dass es irgendwo besser sei, wohl aber drückte sich in ihnen die jugendliche Form der Vernunft aus, die subjektiv empfundenes Elend und aufgenötigten Dissens nicht in bloße Konformität umsetzt, sondern noch zur Sublimation fähig ist, dem Versuch dem Leben “etwas Würde abzutrotzen”. Mit dem gefühlten Alter von 32 und einem müden Klopfen auf den abtrainierten Teenager-Bierbauch packte ich meine dünne Sammlung dann in eine Kiste, legte meine gebrannten Schleimkeim-CDs dazu und sortierte das ganze unter P wie “Punk-Vergangenheit” ins Regal.
Dann landete, mit der unschuldigen Begründung das Heft enthalte eine Rezension meines letzten Versuchs in der Branche, Kid Nowhere# 2 in meinem Briefkasten. Nach zehn Minuten in der S-Bahn war ich zur Hälfte durch, las im Gehen weiter und endete abends damit, laut Zitate vorzutragen. Meine altkluge Annahme, Fanzines heute bestünden entweder aus peinlichen politischen Collagen neben in Allgemeinplätze gehüllten und dadurch auf den Hund gebrachten pubertären Leidensbekundungen oder aus von zufällig bekannten Designstudenten zu Tode gelayouteten Texten, die von nichts Zeugnis ablegen, als von der langweiligsten Souveränität selbstgerechter Vollidioten, die im Besten Fall zitieren aber nie und nimmer einen einzigen Gedanken zu Ende führen können, fand sich widerlegt. Nein, das war nicht richtig von mir. Kid Nowhere kann mehr. Neben reinkopierten Rip-Offs, tatsächlich aus der jungle world geklauten Comics und Playlisten (von Martin Büsser?), hingekackten Collagen und standardisierten Fanziner-Floskeln stehen Sätze, die man nicht nur zitieren, sondern sich auf die Brust tätowieren lassen möchte. Während du dich noch fragst wie das möglich ist, einerseits diese peinlichen Seitenfüller eines unschuldigen Fanziners, der andererseits mit zitternden Fingern unsauber ausgeschnittene Fetzen zu einer schlecht kopierten Bibel der gekonnten Absage zusammenklebt, hat dich Kid Nowhere schon um den Finger gewickelt, this charming boy. Stilsicherheit ist das Gegenteil von gutem Stil und Gewissheit das von Einsicht: Hier geht es immer noch um Punk, liebes Kid Nowhere, du bist der einzige der das schreiben darf.

Zur Entpolitisierung der Party

Nachdem gestern wieder eine Nachttanzdemo in Frankfurt stattfand, möchte ich zwar nichts zu deren Verlauf verlieren, wohl aber deren Ambition in Frage stellen, Party zum Gegenstand von Politik zu machen und sie zu politisieren.

Über Sinn und Unsinn der Vokabel “Freiraum” lässt sich streiten – die Erkenntnis, dass ein Freiraum aber stets nur als relativ frei zu verstehen ist und keinen Ausweg aus der Gesamtscheiße darstellt, sei bei der weiteren Verwendung mal vorausgesetzt. Genauso dämlich wie diese Illusion wäre aber der Schluss aus der These von der Unmöglichkeit des richtigen Lebens im falschen Ganzen, sich nun dem Lifestyle sturer Affirmation hinzugeben und sich von der “Stimmung!” eines bassigen Uffta-Beats einfangen zu lassen.
Die Schaffung relativer Freiräume ist erstmal eine Notwendigkeit um die Wartezeit einigermaßen angenehm überbücken zu können und um die Formulierung von Kritik zu begünstigen. Solche Räume als “frei” zu bezeichnen, kann aber offensichtlich nicht daher rühren, dass in ihnen Freiheit verwirklicht wäre, sondern nur vom unabgeschlossenen Versuch, mehr oder weniger offen ausgetragene Gewalt abzuwehren. Das bedeutet aber, dass in ihnen die Widersprüche eben nicht aufgelöst sind, nur deren Folgen abgewehrt werden sollen.

Was verbirgt sich in der Forderung nach einer Verbindung von Poltitik und der Party, die in so einem Freiraum stattfinden mag? Voraussetzung dafür, dass sie angenehm verläuft und in einem Freiraum stattfindet ist ja, dass dessen Basisbanalitäten durch die Party beibehalten und nicht aufgelöst werden. Sie muss zu der Praxis gehören, die den Freiraum überhaupt als solchen mit hervorbringt. Dabei ist sie aus dem gesellschaftlichen Ganzen genausowenig zu lösen wie der Freiraum auch – Widersprüche inklusive.
Was passiert aber nun, wenn von der Party gefordert wird, sich zu “politisieren” – das hängt vielleicht vom Politikbegriff ab. Soll als politische Handlung gelten, was die Regeln des Anstands – des Freiraums – einhält, dann ist die Konsequenz doch eine Politik, die die Folgen zu Ungunsten ihrer Ursachen in den Blick nimmt. Eine radikale Politik wäre das nicht. Soll aber unter einer politischen Handlung eine verstanden werden, die die Gesellschaft ändern soll, so muss sie sich nach den Ursachen richten. Wie wäre das durch die Party-Praxis umzusetzen?

Wenn mit Party bezeichnet werden soll, was als Party gelten kann, dann muss sie notwendig unpolitisch sein, ohne ihre gesellschaftliche Verstrickung abzutun. Es ist alte linke Tradition alles in den Dienst der Politik stellen zu wollen: als Beispiel die Kunstfeindlichkeit, die jedem Ereignis im Kunst-Raum, das sich nicht zu agitativen Zwecken hin uminterpretieren lässt den schmähenden Vorwurf der Schöngeistigkeit macht. Allem wird die Pflicht abgefordert, den Dienst an der Allgemeinheit zu tun. Vielleicht ist aber unter Party einer der Momente zu verstehen, in denen versucht wird, diese Pflicht so klein wie möglich zu halten. Zwar entkommt sie ihr nicht, dafür passt sie als Teil der Freizeit zu gut zur Reproduktion der Arbeitskraft; sie wird aber zu wertvoll um sie der Politik zu opfern.

“It looks like a blogeintrag. But its bigger.”

I.
Als Warm-Up für das Kunstgeschehen in Kassel gab es erstmal eine kuriose Querfront-Montagsperformance in der Fußgängerzone, die eigentlich ausgesprochen witzig gewesen wäre, hätten die D-Mark-Fans und BRD-Gegner nicht auch Verbindungen zu den regen Kreisen der nordhessischen Anti-antifa.
Zur Überbrückung der Wartezeit auf die Gültigkeit der cheapo Documenta-Abendkarte wurde ich dann von meinem persönlichen Guide in den für seinen ursprünglichen Zweck zwar unbrauchbaren, dafür aber mit Kultur vollgestopften Kasseler Hauptbahnhof in die schöne Ausstellung “The Making of your Magazines” manövriert. Durch eine Mischung aus rein ästhetischer Rezeption von alten Architektur-Fanzinecovers, Publikums-Partizipation durch das Kopieren und zusammenheften des eigenen Zines und der so nach Hause mitgenommenen intensiveren Auseinandersetzung mit linker und linkerer Architekturtheorie kann das ganze als gelungene und überzeugende Werbeveranstaltung für das Magazin Archplus gelten.
Hier muss natürlich unbedingt auch das grandiose Mahnmal für die Opfer der Bombennacht ’43 aus dem Tierwaisenheim St. Bonifatius erwähnt werden, gleich neben der fulminanten “Braut des Maurers”. Beim nächsten Umstieg in Kassel, lohnt es sich auch mal einen Abstecher von der Wilhelmshöhe zum Hbf zu machen.



Dann kamen wir aber zum sich mit Schlangestehen und Garderobenpflicht wesentlich ernster gebenden Teil des “echten” Documenta-Spektakels. Die Diskurselite war keineswegs unter sich was sehr schön ist, aber nervt wegen den vielen Menschen. Zuerst durchs Fredericianum winden und nach einigen ups und einigen downs und einigen najas wieder raus zu einem Spaziergang durch den Rosengarten um bei Hütt Luxus-Pils über Kunst zu diskutieren. Dann wurde noch durch die Documenta-Halle geschlendert um dann zu sagen: Haken dahinter, der Rest kommt morgen.
Als Freunde des Kampfs gegen das Establishment musste mein Guide mich natürlich noch in das Herz des subkulturellen Gegenprogramms “Bürgerstolz & Stadtfrieden” führen. Nach ein bißchen Bewegung auf dem Seniorenspielplatz warfen wir einen Blick in Galerie 1 mit ziemlich witzigen Asi-Fotos und Mädchen-mit-Hunden-beim-Sex-Gemälden und einem Haufen Müll in der Mitte. Nach einem Drink im Bomber-Harris-Biergarten war ich eigentlich schon überzeugt von dieser Mischung aus souveräner Stilsichereit und hingekacktem Raverhumor. Weniger toll ist dann allerdings die Sturmbraut, als offizielles Organ dieser gegenkulturellen Notwehr: zwischen weinerlichem Gejammer über die Provinz und dem absurden Bedürfnis ein kleines hippes Berlin an der Fulda zu haben, scheint das Motto “Bürgerstolz & Stadtfrieden” nicht ironisch gemeint, sondern eingentlich der genaue Zweck des ganzen zu sein. So sieht die subkulturelle Standortlogik aus, die sich nicht zu schade ist den Vorwurf anklingen zu lassen bei der documenta ginge es ja doch nur um Kohle und nicht ums “echte” Kassel.



Nach soviel anstrengender Kultur dann Fast-Food: Meine Freude an Falafel und Halloumisandwich wurde dann aber vom libanesischen Fachverkäufer, der von Belgrader Kunsttouristen zum Bürgerkrieg befragt wurde, getrübt: ich konnte zwar keineswegs hoffen ihn aus seinem Verblendungszusammenhang zu lösen, sah mich aber genötigt wenigstens die Hisbollah nicht als friedliebende, demokratische Volksarmee stehen zu lassen und mich dann endgültig in stereotypen Feindbildern bestätigt als dann die Vermutung über die 4000 Juden die am 11. September nicht zur Arbeit erschienen sind auf den Tisch kam und dann halt Schluss war. “But I am not a politician”, also gab es ein Versöhnungskaugummi in der Friedensfarbe Grün dazugeschenkt, was mir natürlich erst draußen als propagandistischer Trick aufgefallen ist. Zur Beruhigung gab es dann ein Bier to go aus dem 24-hours-Internetcafé und einen besänftigenden Spaziergang durch die Kasseler “Altstadt”.
II.
Heute dann die volle Dröhnung mit neuer Galerie und den Pavillons in der Aue. In der Neuen Galerie gab es documenta at its best und in den Pavillons, obwohl ein denkwürdiger Ort des Scheiterns, unstrukturierte Ödnis und politische Kunst auf der Höhe des Kirchentags.
Generell scheint das mit der Kunst und der Politik so ein Problem zu sein auf der documenta: nicht nur das die politische Aussage nicht unbedingt nach meinem Geschmack sind, auch dass sie überhaupt als solche vermittelt werden, rückt das Zusammenspiel Kunst & Politik eher in die Nähe plumber Agitation als der von kritischer Kunst, will meinen: hier wird eher geschickt im Diskurs platziert, als dass der Diskurs aufgebrochen würde. Dabei will ich gar nicht mal so vorschnell einzelne Exponate in Angriff nehmen, nichtmal Brownie. Aber die komplette Ausstellungskonzeption scheitert mit dem selbstgesetzten Anspruch die D. zu repolitisieren an Niveaulosigkeit.



Ansonsten bin ich von so einer geballten Ladung Rezeption ersteinmal geflasht, bin nach wie vor auf der Suche nach einem Kunstbegriff und gebe mich vorläufig mal damit zufrieden Sachen auch einfach mal schön zu finden. Überhaupt die Frage, ist nich der Ausstellungsraum der Raum in den ich mich begeben muss um überhaupt einmal auf diese Weise wahrnehmen zu können? Das meint, ist nicht Kunst, also was im Kunstraum stattfindet, dort einzementiert und bedingt von vornherein die Trennung von Kunst und Praxis… Vielleicht muss ich mal bei der S.I. nachlesen.



III.
Den letzten Rest der Documenta lassen wir aus und schaun mal in die Caricatura rein. Nett und witzig, teilweise auch arg fad und letztlich ist ne Zeitung einfach das bessere Medium einer Karikatur als das Original. Schon besser war da die Ausstellung der dänischen Gruppe Surrend.
Als nächstes machen wir uns dann selbstständig an die Kunstproduktion, so dass der eine jetzt nen Seminarschein in der Tasche und der andere einen offiziell anerkannten Status als zensierter Internetpornostar hat. (Der Pornostar bin ich: Zwar eine kurze Karriere, aber mit 200 Views in den 20 minuten bis zur Löschung recht erfolgreich.)
Dann trinken. Dann Kater. Dann eine schräge polnische antinationalistische Videoinstallattion. Dann Heimreise.

Heimat, keine Metapher

I.
Ich kenne das Haus schon seit ich denken kann, doch richtig fertig ist es erst jetzt. Lange lagen die Mauerziegel blank und das Gebäude wirkte unfertig und gedrungen, unpassend im Straßenzug. Nun ist es fertig, hat einen sauberen gelben Verputz und ordentliche Blumenkübel davor. Erst jetzt fällt mir auf was daran Besonderes ist. Der langezogene, rechteckicke Grundriss des eingeschossigen Hauses und sein stumpfer Giebel: Eine zitronenfaltergelbe Baracke. Aus wohlüberlegter, kleinbürgelicher Sparsamkeit heraus, wurde mit dem endgültigen Verputzen gewartet bis die kleine Gedenktafel hatte entfernt werden dürfen: Hier stand einmal die Synagoge.

II.
Wie eine Synagoge zum religiösen Leben einer jüdischen Gemeinde gehört, gab es im Dorf auch einen jüdischen Friedhof. In unmittelbarer Nachbarschaft zur heutigen Gesamtschule, die auch rege von Kindern umliegender Ortsteile besucht wird. Auch der Friedhof konnte das Jahr 1939 nicht überdauern: Heute verläuft dort die Aschebahn.



III.
Der Rest ist normal. Wie überall.



Autobot

Seit Wochen schon liegt die CD “Tafeldienst” von Autobot bei mir rum. Ich hab versprochen eine Rezension zu schreiben und das bindet. Also warum so lange gewartet? Es ist nicht einfach einen wohlmeinenden Verriss zu schreiben.
Vom grottigen Layout des Booklets und dem Titel “Tafeldienst” abgesehen, fängt das Problem bei der Grußliste in der CD an. Oh mann, das ist dermaßen uncool, dass es sogar schon wieder uncool ist sich drüber aufzuregen! Oder diese Live-Ansagen-Hidden-Tracks. Das kann weder ernst gemeint sein noch ist das witzig. Pro Minute Laufzeit gibt es 10 Dinge, die die CD unerträglich macht. Überhaupt dieses Genre “Liedermacher”, dem das hier ganz klar angehört, gehört auf den Abfalleimer der Musikgeschichte. Wenn das hier auch mit Computerbeats aufgefrischt wird, sind die eher latschig als tighte dance-beats. Und trotzdem: ich kann das nicht hassen. Trotz aller Formfehler steckt in jeder Minute auch eine wirklich gute Idee, die Melodien sind zur Hälfte gut, und überhaupt scheint Autobot auf der eindeutig besseren Seite zu stehen. Außerdem wer Props an A-Team, David Hasselhoff und Commander Keen raushaut, kann kein schlechter Mensch sein. In dem Mantafahrerwitz heißt es zwar Batmans Freunde sind auch meine Freunde, aber das Prinzip gilt auch hier.
Einen Moment der Selbsterkenntnis gibt es auch: Er hat Probleme, die passen zu ihm. Alter, du musst einfach raus aus Tübingen!



Sie sind ja sowieso in der Überzahl

Am 7.7. wollen Faschisten in Frankfurt gegen den “Kapitalismus” demonstrieren. Nicht mal diese Anführungszeichen lohnen sich, will unter dem Motto “Volksgemeinschaft statt Globalisierung – Arbeit statt Dividende” doch ein geradezu idealtypisch antisemitischer Haufen dummer Kerls die eigene Beschränktheit zu Felde tragen.
Die “besseren Deutschen” laden zum “deutlichen Zeichen” auf den Römerberg für “unser weltoffenes Frankfurt” a.k.a. sauberes Deutschland. Dass diese selbstbewusste Idiotie nicht reichen wird daher schon von selbst mit 8000 Cops unterstrichen, die das eigentliche Hauptrisiko aber in der linken Gegendemo vermuten, und daher schon mal vorsorglich Urlaubsverbot und personelle Vollbesetzung aller Krankenhäuser anordnen.
Die Mobilisierungs-Kampange zur Gegendemonstration unter dem Motto “du bist antifa” ist ein ehrenwerter Versuch die Leute durch auf die Straße zu kriegen, und hinterlässt mit der Melange aus Militanz-Chic und bürgerlich-biederem Humor, der Aufhäufung von lupenreiner Identität von 0% Deutschland und 100% Antifa einen faden Beigeschmack.
Wieder Andere können sich, angesichts der Tatsache, dass die Kritik an den “linken” G8-Protesten im beinahe selben Wortlaut auch für die Nazis gilt, ihre Ideologiekritik nicht verkneifen und nutzen den Protest gegen den Nazi-Aufmarsch geradeso zur Kritik am linken wie am reaktionären “Antikapitalismus”. Da dann doch noch ein nicht zu knapper Unterschied zwischen strukturellem Antisemitismus (usw.) und einem direkten Anknüpfen an den NS in Theorie und Praxis besteht, scheint dies hier noch einmal betont werden zu müssen. Ein Aufruf gegen die Nazis auf die Straße zu gehen sollte daher nicht ganz so schwer über die schmalen Lippen zu bringen sein.
Es sieht so aus als würde der Samstag ein Tag werden an dem wie immer die sympathischeren Menschen in Frankfurt an wenigen Fingern abzuzählen sind und den sich trotzdem niemand entgehen lassen sollte.



Wer ist zu sehen?
a) Autonome Nationalisten
b) Autonome Antifas
c) Antikapitalistinnen
als Hauptgewinn Frankfurt, zu verlieren gibt es nur die eigene Glaubwürdigkeit

Don‘t do that to “Fuck You”

Musik die ihre Berechtigung aus der Wunderwaffe “Fuck You” bezieht ist weit weniger darunter zu subsummieren als angenommen werden könnte. Es ist ein schmaler Grat auf dem es sich nicht lohnt zu balancieren; wo sich die Frage nicht lohnt wer gemeint ist, ob “die da draußen”, “ihr da vorne” und wo der Gipfel der Langeweile erreicht ist wenn die Autorenschaft über das “Fuck you” geklärt wird. Die Klinge verliert ihren Schliff, wenn sie gebraucht wird.
Aber ich schreibe hier ja nicht über politische Hardcorebands sondern über die Noiserockband Chung, die am Freitag im ExZess gspielt hat. Deshalb heißt das: die richtige Haltung verträgt sich nicht mit breitbeinigen Posen und tiefhängenden Gitarren. In dem Moment in dem Noiserock in Hardrock umschlägt, kann mein Fuß vielleicht mitwippen aber es reicht nicht dafür, dass die Rezension, die ich mir zu schreiben herausnehme, positiv ausfällt.

Wir hätten in die Fresse geschlagen

American Hardcore. So einfallslos wie der Titel ist auch der Film, genau wie sie eben alle sind die Filme über diese oder jene „Szene“: Eine Bestandsaufnahme aller die dabeigewesen sind, ein paar schlechte Originalaufnahmen und im schnellen Takt zusammengeschnittene Fotos. Für alle die, die nicht dabei gewesen sind. Denn klar, Hardcore, oder besser die Erfahrung der ersten Hardcore-Welle, das ist mehr als einem nur durch die alten Platten zugänglich wäre. Deshalb wohl auch das starke Bedürfnis von Hardcore-Fans und denen die es werden wollen diese Erfahrung nachzuholen: Die BetreiberInnen des Studierendenkinos mussten zusätzliche Stühle beischleppen und wir in der Schlange stehen. Doch was solls? Der Film vermittelt vor allem eins, eine Erfahrung des authentischen „Anti“ unwiederbringlich verpasst zu haben. Kein Versuch etwas anderes zu machen als durch die unkritische Bestandsaufnahme 198x-198x die Erfahrung zum Allgemeingut zu machen, was nur Nicht-Erfahrung bedeuten kann.
Das mich am (frühen) Hardcore faszinierende ist nach wie vor dessen simple Gewalt, in besonderer Form: in entorteter, zielloser Abreaktion; in der Zerstörung, die immer schon Selbstzerstörung enthält; Brutalität ohne Ziel und Sinn als Konsequenz tagtäglich durchlebten Zwangs und als Ventil gesellschaftlichen Drucks. Es bringt nicht weiter das in irgendeiner Form zu romantisieren oder als wünschbar zu betrachten; es ist die plumbe Abreaktion (vor allem) weißer und männlicher Jugendlicher, die aber eben auch nur das verstümmelte Leben führen. Nur das gilt es eben als Phänomen zu sehen und die Gewalt als prinzipiell immer noch angelegtes zu begreifen, anstatt sämtliches abgefucktes Anti-Potential einer vom ständigen Versagen geprägten und verelendeten Adoleszenz damit einzuschläfern einen authentischen und vergangenen Anknüpfungspunkt für jugendkulturelle Tradition zu bilden, die jedes „Ich will“ in ein „Ich hätte“ verwandelt.



Zusammenfassung

Du bist nicht betrunken, solange du auf dem Boden liegen kannst, ohne dich festzuhalten.