“It looks like a blogeintrag. But its bigger.”

I.
Als Warm-Up für das Kunstgeschehen in Kassel gab es erstmal eine kuriose Querfront-Montagsperformance in der Fußgängerzone, die eigentlich ausgesprochen witzig gewesen wäre, hätten die D-Mark-Fans und BRD-Gegner nicht auch Verbindungen zu den regen Kreisen der nordhessischen Anti-antifa.
Zur Überbrückung der Wartezeit auf die Gültigkeit der cheapo Documenta-Abendkarte wurde ich dann von meinem persönlichen Guide in den für seinen ursprünglichen Zweck zwar unbrauchbaren, dafür aber mit Kultur vollgestopften Kasseler Hauptbahnhof in die schöne Ausstellung “The Making of your Magazines” manövriert. Durch eine Mischung aus rein ästhetischer Rezeption von alten Architektur-Fanzinecovers, Publikums-Partizipation durch das Kopieren und zusammenheften des eigenen Zines und der so nach Hause mitgenommenen intensiveren Auseinandersetzung mit linker und linkerer Architekturtheorie kann das ganze als gelungene und überzeugende Werbeveranstaltung für das Magazin Archplus gelten.
Hier muss natürlich unbedingt auch das grandiose Mahnmal für die Opfer der Bombennacht ’43 aus dem Tierwaisenheim St. Bonifatius erwähnt werden, gleich neben der fulminanten “Braut des Maurers”. Beim nächsten Umstieg in Kassel, lohnt es sich auch mal einen Abstecher von der Wilhelmshöhe zum Hbf zu machen.



Dann kamen wir aber zum sich mit Schlangestehen und Garderobenpflicht wesentlich ernster gebenden Teil des “echten” Documenta-Spektakels. Die Diskurselite war keineswegs unter sich was sehr schön ist, aber nervt wegen den vielen Menschen. Zuerst durchs Fredericianum winden und nach einigen ups und einigen downs und einigen najas wieder raus zu einem Spaziergang durch den Rosengarten um bei Hütt Luxus-Pils über Kunst zu diskutieren. Dann wurde noch durch die Documenta-Halle geschlendert um dann zu sagen: Haken dahinter, der Rest kommt morgen.
Als Freunde des Kampfs gegen das Establishment musste mein Guide mich natürlich noch in das Herz des subkulturellen Gegenprogramms “Bürgerstolz & Stadtfrieden” führen. Nach ein bißchen Bewegung auf dem Seniorenspielplatz warfen wir einen Blick in Galerie 1 mit ziemlich witzigen Asi-Fotos und Mädchen-mit-Hunden-beim-Sex-Gemälden und einem Haufen Müll in der Mitte. Nach einem Drink im Bomber-Harris-Biergarten war ich eigentlich schon überzeugt von dieser Mischung aus souveräner Stilsichereit und hingekacktem Raverhumor. Weniger toll ist dann allerdings die Sturmbraut, als offizielles Organ dieser gegenkulturellen Notwehr: zwischen weinerlichem Gejammer über die Provinz und dem absurden Bedürfnis ein kleines hippes Berlin an der Fulda zu haben, scheint das Motto “Bürgerstolz & Stadtfrieden” nicht ironisch gemeint, sondern eingentlich der genaue Zweck des ganzen zu sein. So sieht die subkulturelle Standortlogik aus, die sich nicht zu schade ist den Vorwurf anklingen zu lassen bei der documenta ginge es ja doch nur um Kohle und nicht ums “echte” Kassel.



Nach soviel anstrengender Kultur dann Fast-Food: Meine Freude an Falafel und Halloumisandwich wurde dann aber vom libanesischen Fachverkäufer, der von Belgrader Kunsttouristen zum Bürgerkrieg befragt wurde, getrübt: ich konnte zwar keineswegs hoffen ihn aus seinem Verblendungszusammenhang zu lösen, sah mich aber genötigt wenigstens die Hisbollah nicht als friedliebende, demokratische Volksarmee stehen zu lassen und mich dann endgültig in stereotypen Feindbildern bestätigt als dann die Vermutung über die 4000 Juden die am 11. September nicht zur Arbeit erschienen sind auf den Tisch kam und dann halt Schluss war. “But I am not a politician”, also gab es ein Versöhnungskaugummi in der Friedensfarbe Grün dazugeschenkt, was mir natürlich erst draußen als propagandistischer Trick aufgefallen ist. Zur Beruhigung gab es dann ein Bier to go aus dem 24-hours-Internetcafé und einen besänftigenden Spaziergang durch die Kasseler “Altstadt”.
II.
Heute dann die volle Dröhnung mit neuer Galerie und den Pavillons in der Aue. In der Neuen Galerie gab es documenta at its best und in den Pavillons, obwohl ein denkwürdiger Ort des Scheiterns, unstrukturierte Ödnis und politische Kunst auf der Höhe des Kirchentags.
Generell scheint das mit der Kunst und der Politik so ein Problem zu sein auf der documenta: nicht nur das die politische Aussage nicht unbedingt nach meinem Geschmack sind, auch dass sie überhaupt als solche vermittelt werden, rückt das Zusammenspiel Kunst & Politik eher in die Nähe plumber Agitation als der von kritischer Kunst, will meinen: hier wird eher geschickt im Diskurs platziert, als dass der Diskurs aufgebrochen würde. Dabei will ich gar nicht mal so vorschnell einzelne Exponate in Angriff nehmen, nichtmal Brownie. Aber die komplette Ausstellungskonzeption scheitert mit dem selbstgesetzten Anspruch die D. zu repolitisieren an Niveaulosigkeit.



Ansonsten bin ich von so einer geballten Ladung Rezeption ersteinmal geflasht, bin nach wie vor auf der Suche nach einem Kunstbegriff und gebe mich vorläufig mal damit zufrieden Sachen auch einfach mal schön zu finden. Überhaupt die Frage, ist nich der Ausstellungsraum der Raum in den ich mich begeben muss um überhaupt einmal auf diese Weise wahrnehmen zu können? Das meint, ist nicht Kunst, also was im Kunstraum stattfindet, dort einzementiert und bedingt von vornherein die Trennung von Kunst und Praxis… Vielleicht muss ich mal bei der S.I. nachlesen.



III.
Den letzten Rest der Documenta lassen wir aus und schaun mal in die Caricatura rein. Nett und witzig, teilweise auch arg fad und letztlich ist ne Zeitung einfach das bessere Medium einer Karikatur als das Original. Schon besser war da die Ausstellung der dänischen Gruppe Surrend.
Als nächstes machen wir uns dann selbstständig an die Kunstproduktion, so dass der eine jetzt nen Seminarschein in der Tasche und der andere einen offiziell anerkannten Status als zensierter Internetpornostar hat. (Der Pornostar bin ich: Zwar eine kurze Karriere, aber mit 200 Views in den 20 minuten bis zur Löschung recht erfolgreich.)
Dann trinken. Dann Kater. Dann eine schräge polnische antinationalistische Videoinstallattion. Dann Heimreise.