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Wir hätten in die Fresse geschlagen

American Hardcore. So einfallslos wie der Titel ist auch der Film, genau wie sie eben alle sind die Filme über diese oder jene „Szene“: Eine Bestandsaufnahme aller die dabeigewesen sind, ein paar schlechte Originalaufnahmen und im schnellen Takt zusammengeschnittene Fotos. Für alle die, die nicht dabei gewesen sind. Denn klar, Hardcore, oder besser die Erfahrung der ersten Hardcore-Welle, das ist mehr als einem nur durch die alten Platten zugänglich wäre. Deshalb wohl auch das starke Bedürfnis von Hardcore-Fans und denen die es werden wollen diese Erfahrung nachzuholen: Die BetreiberInnen des Studierendenkinos mussten zusätzliche Stühle beischleppen und wir in der Schlange stehen. Doch was solls? Der Film vermittelt vor allem eins, eine Erfahrung des authentischen „Anti“ unwiederbringlich verpasst zu haben. Kein Versuch etwas anderes zu machen als durch die unkritische Bestandsaufnahme 198x-198x die Erfahrung zum Allgemeingut zu machen, was nur Nicht-Erfahrung bedeuten kann.
Das mich am (frühen) Hardcore faszinierende ist nach wie vor dessen simple Gewalt, in besonderer Form: in entorteter, zielloser Abreaktion; in der Zerstörung, die immer schon Selbstzerstörung enthält; Brutalität ohne Ziel und Sinn als Konsequenz tagtäglich durchlebten Zwangs und als Ventil gesellschaftlichen Drucks. Es bringt nicht weiter das in irgendeiner Form zu romantisieren oder als wünschbar zu betrachten; es ist die plumbe Abreaktion (vor allem) weißer und männlicher Jugendlicher, die aber eben auch nur das verstümmelte Leben führen. Nur das gilt es eben als Phänomen zu sehen und die Gewalt als prinzipiell immer noch angelegtes zu begreifen, anstatt sämtliches abgefucktes Anti-Potential einer vom ständigen Versagen geprägten und verelendeten Adoleszenz damit einzuschläfern einen authentischen und vergangenen Anknüpfungspunkt für jugendkulturelle Tradition zu bilden, die jedes „Ich will“ in ein „Ich hätte“ verwandelt.



Nachtrag

Nachdem am Freitag wiedereinmal eindringlich klar wurde: Alkohol ist mein Feind! und ich am Samstag noch gut in meiner (Post-)Kater-Depression in Gießen auf einer Ausstellungseröffnung war und ich im Moment eine große Unvereinbarkeit meiner Zeit, dem was ich machen will und dem was ich machen soll feststelle, komm ich jetzt mal doch wieder dazu hier was zu schreiben. Aber es is ja nicht der Ort für Emo-Stories und Selbstdarstellung oder -erklärung. Obwohl… Scheiß drauf.
Besagte Ausstellung war übrigens sehr schön, teilweise auch geht so, aber wenn ich da mal drüber weg sehe, alles in allem gut. Inklusive Buffet mit Fingerfood, wie sich das halt gehört für ne Eröffnung, aber den Sektempfang hab ich lieber mal ausgespart. Die Ausstellung heißt Beziehungsweise III und ist die Magisterausstellung von drei Kunstpädagoginnen, findet in einem wunderbaren 50er-Jahre-Gebäude statt (wenn ich mir überlege, dass das mal ein Kinderheim gewesen soll, schlottern mir die Knie) und läuft noch den Rest der Woche – also wer mal ne Stunde Zeit hat in Gießen, meine Empehlung habt ihr.
Sonntag dann, und eigentlich Gegenstand von dem hier: der neue Bond. Casino Royal! Oh Yeah! Großes Kino mit allem was dazu gehört – die Action begeistert, die Story stimmt, das Blut spritzt und die Liebesstory geht ans Herz. Der „neue“ Bond David Craig ist spitze und – was für Augen! Ich mein ich bin kein Experte für Pierce Brosnan, aber der hat ja mal eher gar nicht geschafft mich anzuturnen. Zu clean und schmierig – das war das Fachgebiet von Roger Moore und dem kann in der Beziehung niemand das Wasser reichen. Craig is da eher der souveräne tough-guy und gleichzeitig menschlicher als alle anderen Bonds zuvor.
Was ich dem Film auf jeden Fall zu Gute halte ist, dass er keineswegs die Wiederholung der immergleichen, biederen Versatzstücke ist, die 007 vermeintlicherweise ausmachen – die ganzen Running Gags auf die alle warten, werden ausgelassen beziehungsweise wird darauf nur angespielt. Trotzdem bleibt Casino Royal ein echter James Bond, nur eben in zeitgemäßerer Form, die sich auch vor einer ästhetischen Entwicklung im Kino nicht verschließt. Wenn auch anders als bei Batman Begins, ist die Aufgabe die Entstehung des Helden zu zeigen (Casino Royal ist zumindest in der Biografie von 007 eben am Anfang anzusiedeln), und das vor einem Publikum aus „Amateur-Experten“, ebenso großartig gemeistert worden. Am Ende haben wir ihn, unseren Playboy-Übermenschen und auf dem Weg dahin fesselt es dich zweieinhalb Stunden in den Kinosessel. Was auch alles gegen Hollwyood-Kino einzuwenden ist, von sowas lass ich mich gerne begeistern.

Nicht das Ende der Geschichte

Das war also mal eine echte Filmpremiere: „Kick it like Frankreich“ von Martin Keßler („Neue Wut“) über die protesierenden Studierenden in Hessen. Und die Hauptdarsteller haben auch das Gros des Publikums ausgemacht – völlig klar natürlich, dass dann die direkten Reaktionen vor allem aus Selbstbeweihräucherung bestanden, Buh-Rufe für Koch und Corts, Jubel über die eigenen Gesichter und Aktionen, eingestreute Parolen. Wann gibt es dazu schonmal die Möglichkeit? Ein Maximum an Zerstreuung im Film, ein Minimum an Distanz. Hier konnten sich alle wiederfinden auf der überdimensionierte Leinwand und das auch noch im Cinestar Metropolis, Frankfurter Tempel des Popcorn-Kinos.
Dabei ist es durchaus sinnvoll dem Film erstmal kritisch gegenüber zu stehen und die meisten Leute, mit denen ich geredet hab, waren dann wohl auch garnicht so begeistert. Was macht der Film? Erstmal ist es ein ganz belanglos aufgebauter Dokumentarfilm: er verfolgt die Proteste chronologisch, hat viele O-Töne von beiden Seiten, Demo-Aufnahmen und nimmt immer genau das mit was bei so einer Begleitung eben rumkommt – dabei fehlen aber auch einige wichtige Momente, wie die Turmblockade, die dem Protest ja mal ein wenig Kontroverse hat angedeihen lassen. Bis auf die Dimension, 90 Minuten lang von Mai bis Oktober 2006 , teilt der Film alles mit einem normalen Fernsehbeitrag und ist am Ende entsprechend schleppend. Unterschied zum Fernsehen ist natürlich auch die latente Solidarität mit den Studierenden. Was der Film nicht macht (und die Frage in den Raum stellt wozu dann ein Film?) ist: er enwickelt eigentlich kaum einen kontroversen, reflektierenden Blick auf die Proteste. Inhaltliche Unterschiede und Tiefe von linksradikaler Kritik am Ganzen bis zu ganz standortlogischer Argumentationsweise gegen Studiengebühren kommen überhaupt nicht vor. Auch wirft Martin Keßler keinen persönlichen Blick auf die Proteste. Er bietet kaum eine Fläche für eine notwendige kritische Selbstreflektion der „Bewegung“. Was der Film vielmehr ist: Geschichtsschreibung, und diese Geschichte sagt eben es brodelt im deutschen Volk! Die da oben nehmen denen da unten immer mehr weg und da müssen wir uns, wir Arbeistlosen, Studierenden, GewerkschaftlerInnen, jetzt zusammen tun und sagen Stop, uns als deutscher Gesellschaft wird uns das jetzt ein bißchen zu bunt mit dieser Globalisierung! Das passt eben wunderbar auf Ortsverbandstreffen von DGB, SPD und Linkspartei, also genau da wo „neue Wut“ auch schon die größten Erfolge hatte. Von daher war nach dem Film der Programmpunkt „auf die Strasse“, also Spontan-Demo, genau das richtige; Keßler distanzierte sich eindeutig gegen eine Demo und wird das vielleicht als Mangel an Dankbarkeit und Gesprächsbereitschaft auffassen. Für Keßler war der Film an sich schon eine Demonstration – dass sich die Studierenden von soetwas nicht vereinnahmen lassen ist gut und lässt sich vielleicht wohlwollend als soetwas wie Geschichte machen und nicht schreiben interpretieren. Wenn ich mir vielleicht auch ab und zu ein mehr an politischem Profil wünsche – Action bleibt vorerst das wichtigste an den Protesten genauso wie sich gegen solche endgültigen Interpretationen wie die von der „bigotten Revolte“(Süddeutsche Zeitung) oder der von „Kick it like Frankreich“ zu wehren.

Meta

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